Q & A: Drogenkrieg in Rio

Polizeigewalt, Drogenkrieg und Sportereignisse, die Rolle von Milizen und warum Legalisierung keine Wunderwaffe ist: In einem Q & A haben wir Fragen zu unserer Y-Kollektiv-Webdoku beantwortet:

https://www.youtube.com/watch?v=DbxFA64WBWM

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Kugelhagel an Weihnachten

Selbst während der Weihnachtsfeiertage erschüttern immer wieder Schießereien die Rocinha, Rios größte Favela. 

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

Kugelhagel an Weihnachten (Foto: Rocinha em Foco)

“Ich war mit meinem vier Monate alten Baby zuhause in der Rua 2, wir haben versucht uns in der Küche vor dem Bad vor den Schüssen zu schützen, und meine Wohnung wurde von Kugeln getroffen – die Fotos sind vom Bad und vom Balkon”, berichtet die Bewohnerin Mariana der Facebookseite Rocinha em Foco, auf der sich Bewohner gegenseitig vor Schießereien warnen.

Die Rua 2 sei extrem, kommentiert auch Valéria: “Wer nicht zuhause ist, weiss nie, wo in dieser Straße die nächste Schießerei stattfindet – diese unendlichen Schießereien zerstören die Häuser und die Familien haben weder zuhause noch außerhalb ihrer Häuser einen Moment der Ruhe.”

Während der Weihnachtsfeiertage gab es immer wieder Schießereien in der Rocinha. Fast jeden Tag finden Operationen der Spezialeinheiten statt. Am Mittwoch haben Sicherheitskräfte bei einer Razzia erneut Kokain, Granaten und Munition sichergestellt. Die Spezialeinheit Bope hat auf dem Instagram-Account der Truppe düstere Weihnachtsgrüße hinterlassen. Munition werde verschwendet und die Kugeln würden meistens die falschen Häuser treffen, beschwert sich eine Bewohnerin.

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Weihnachtsgrüße von der Elitetruppe Bope (Foto: Bope)

Am 16. Dezember 2017 wurde ein Jugendlicher bei einem Fußballplatz in der Rocinha getötet. Die Sicherheitskräfte geben an, dass der 15-Jährige im Drogenhandel gewesen sei, und auch ein Gewehr in der Nähe gefunden wurde. Die Version der Familie allerdings lautet anders: Sie sagt, dass die Sicherheitskräfte von einer Terrasse aus auf Jugendliche geschossen hätte, die gerade Fußball spielten.

Phantasie-Steuer: Polizisten kassieren Mototaxi-Fahrer ab

Im Complexo do Alemão haben korrupte Polizisten eine Phantasie-Steuer von Mototaxi-Fahrern abkassiert – jetzt protestieren die Fahrer gegen den Machtmissbrauch.

Im Complexo do Alemão haben zwei Militärpolizisten der UPP Nova Brasília seit November von den Mototaxi-Fahrern eine “Maut-Gebühr” von 10 Reais, umgerechnet 2,50 Euro, wöchentlich von jedem Mototaxi-Fahrer kassiert. Wer sich weigerte, zu zahlen, wurde mit Bußgeldern belegt – die Polizisten drohten auch damit, dass sie bei zahlungsunwilligen Fahrern die Motorräder beschlagnahmen könnten.

Auch wenn die Summe vergleichsweise nicht nach einem großen Korruptionsskandal klingt, summieren sich die Einnahmen – und angesichts der geringen Verdienste der Fahrer, die pro Fahrt nur ein paar Reais verdienen, ist das dreiste Vorgehen der Polizisten ein harter Schlag für die Mototaxi-Fahrer. Etwa 100 Fahrer haben vor der UPP, der sogenannten Befriedungspolizei, gegen den Machtmissbrauch durch die beiden Polizisten protestiert und sie angezeigt.

Etwa 200 Mototaxi-Fahrer arbeiten im Alemão, einem riesigen Favela-Komplex in der Nordzone von Rio de Janeiro. Die Mototaxis sind eines der Haupt-Transportmittel der Favelabewohner – die riesige Gondelbahn, die vor den Sportereignissen in den Favelakomplex gebaut wurde, um die Bewohner schneller über die Hügel zu transportieren, ist nur noch eine Ruine.

Der Wirtschaftszweig der “Favela-Taxen” wird in den meisten Favelas ohnehin entweder vom Drogenhandel oder von Milizen kontrolliert, so dass korrupte Polizisten, die auf der Straße Geld fordern, zur zusätzlichen Belastung für die Fahrer werden. Dazu kommt auch das hohe Berufsrisiko durch die Schießereien hinzu, die im Alemão derzeit fast täglich stattfinden.

Nach dem Protest straften die korrupten Polizisten die Fahrer ab, die daran teilgenommen hatten – manche wurden danach gleich mehrfach mit Bußgeldern belegt. Wenn die Besetzungspolizei UPP das ohnehin zerstörte Vertrauen in Staat und Polizei aufbauen will, muss sie dringend in den eigenen Reihen aufräumen und Korruption und Machtmissbrauch scharf verurteilen und ahnden. 

Sieben Tote bei Polizeioperation in Caju

In der Favela Caju wurden bei einer Operation der Schocktruppe (Batalhão de Choque) am Wochenende sieben Menschen getötet und elf Verdächtige festgenommen.

Rivalisierende Banden, die um die Favela Caju kämpfen, hatten in den vergangenen Wochen immer wieder die Bewohner mit langen Schusswechseln in Angst versetzt. Am Wochenende hat die Spezialeinheit (Batalhão de Choque) eine Operation in der Favela durchgeführt, um den Gangkrieg zu entschärfen. Bei den Schusswechseln wurde auch ein sechsjähriges Kind verletzt, offenbar von Gangmitgliedern.

In Rio de Janeiros Favelas finden derzeit immer wieder großangelegte Polizeioperationen statt, in vielen der mehr als 1000 Favelas von Rio de Janeiro kämpfen Gangs um die Vormacht, Schießereien sind vielerorts an der Tagesordung. Die Befriedungspolizei UPP ist völlig überfordert mit der Situation – wie in Caju, wo die lokale UPP die Schocktruppe zur Verstärkung rief. So wiederholt sich das alte Paradigma der brasilianischen Sicherheitskräfte: Die Favelas betreten, um zu töten, Kriminelle festzunehmen und Drogen und Waffen zu beschlagnahmen. In Caju wurden 14 Schusswaffen beschlagnahmt, sowie mehrere Granaten, eine Pistole, Munition und schussichere Westen.

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Beschlagnahmte Waffen in Caju (Foto: PMERJ/Twitter)

Militärbesetzung: Panzer in der Rocinha

Seit fast einer Woche tobt der Konflikt zwischen den rivalisierenden Gangfraktionen in der Rocinha. Jetzt ist das Militär mit Panzern in die Favela eingerollt, um den Drogenkrieg zu unterbinden. Bewohner fürchten, dass die Lage durch die Truppen noch mehr eskaliert.

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Bewohner im Kreuzfeuer (Foto: Bruno Itan)

Die Bewohner sind in ihren Häusern gefangen. Helikopter kreisen über der Favela, Militärtruppen stürmen mit Gewehren im Anschlag durch die engen Gassen, Panzer rollen auf der Hauptstraße entlang.

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Die Hauptstrasse hatten die Gangs zuvor noch mit brennenden Möbeln und Müll verbarrikadiert – ähnlich wie im November 2011, als die Rocinha vom Militär besetzt wurde, um die Drogenbanden zu vertreiben und der Befriedungspolizei UPP den Weg zu ebnen.

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Panzer, die die Hauptstraße hinauf rollen – wie bei der Besetzung 2011 (Foto: Bruno Itan)

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Die Zeiten der UPP sind vorbei: Die Gangs können trotz mittlerweile stark reduzierter Polizeipräsenz in der Favela ungestört operieren: Auch als sich die rivalisierenden Gangmitglieder in den letzten Tagen bekriegten, griffen die Polizisten kaum ein.

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Die Rocinha sei “ein Patient auf der Intensivstation”, sagte Verteidigungsminister Raul Jungmann der brasilianischen Zeitung O Globo zufolge. Fast 1000 Soldaten werden innerhalb und in der Nähe der Favelaeingänge stationiert.

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Leben mit Militärpräsenz (Foto: Bruno Itan)

Interner Machtkampf: Bandenkrieg in der Rocinha

Exekutionen, verbrannte Leichen, stundenlange Schießereien: In der Rocinha ist ein Kampf um die Rangordnung innerhalb der Gang entbrannt, die Rios größte Favela beherrscht.

Schießereien zwischen Polizei und Drogengang sind in der Rocinha Alltag. Doch der Drogenkrieg, der sich am Sonntag ereignet hat, besitzt eine andere Dimension: Etwa fünf Stunden lang dauerte die Fehde um die Rocinha, ein bewaffnetes Killerkommando griff andere Kriminelle an – dann kamen auch Polizisten und Militärs hinzu.

Es ist ein interner Kampf um die Reihenfolge in der Bande in Gang, die Rio de Janeiros größte Favela beherrscht. Nem, der eigentliche Boss der Gang, gibt seine Kommandos aus dem Gefängnis, Rogerio, der amtierende Chef in der Favela, hat seinen Machtanspruch in den vergangenen Monaten ausgebaut – und macht Nem seinen Posten streitig. Am Sonntag zeigte sich, wie die Bewohner ins Kreuzfeuer geraten, wenn eine Gang zersplittert. Die Kriminellen legten die Stromnetze in ganzen Vierteln lahm, Wassertanks auf den Dächern wurden angeschossen und leckten, Autos und Häuserwände wurden von Kugeln durchlöchert.

Kriminelle kaperten auch Autos von Bewohnern, griffen Polizeibeamte an und lieferten sich heftige Gefechte. Zwei Verletzte wurden gefunden, einen weiteren Verletzten oder Toten konnte die Polizei nicht bergen. Berichte von Bewohnern zufolge sollen sogar mindestens fünf Kriminelle getötet worden sein.

Die Favela hat ihre eigene Art, Leichen zu entsorgen. Ein Video zeigt etwa, wie eine Leiche in einer Gasse der Favela verbrannt wird. Am 13. August hatte der Drogenchef der Rocinha, Rógerio, von Gerüchten erfahren, dass einer seiner Vertrauten überlaufen und ihn entmachten will – daraufhin ließ er drei seiner Verbündeten exekutieren.

Die Gewalt ist nicht nur eine Episode: Wenn die Gang ihren Streit nicht auf anderem Weg verhandeln kann, steht der Rocinha in nächster Zeit ein brutaler Bandenkrieg bevor.