Die Zukunft von Rio: BuzzingCities Lab beim Fórum de Sustentabilidade do Rio

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BuzzingCities Lab-Team mit Eduarda La Roque, Gründern des Pacto do Rio und Präsidentin von Cariocas em Ação (Foto: BuzzingCities)

Chancen für die junge Generation, Favela-Entwicklung, die Reinigung der Guanabara-Bucht, digitaler Wandel und neue Wirtschaftsmodelle: Beim Forum für Nachhaltigkeit in der Associação Comercial do Rio (ACRio) diskutieren Wirtschaftsvertreter, Bürger und Aktivisten aus Rios Favelas und Experten Strategien für die Zukunft der Stadt – und Herausforderungen, die nur gemeinsam zu lösen sind.

Dialog für die Stadt (Foto: BuzzingCities)

Dialog für die Stadt (Foto: BuzzingCities)

„Die Favela ist auch ein Raum von Widerstand, des Kampf um die Stadt, um Rechte,“ so André Lima, Favela-Aktivist und Researcher. Es sei wichtig, dass ein Dialog entstünde zwischen den verschiedenen Organisationen und Initiativen, innerhalb und außerhalb der Favelas. „Wir haben ein gemeinsames Ziel: Die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung der Favelas.“

Favela als Folge von Staatsversagen

„Ich bin es müde, immer die Favelas zu zeigen, die Barracken“, so Rumba Gabriel, Bewohner der Favela Jacarezinho. Die Favelas seien Ausdruck politischen Versagens, die Versprechen auf Bildung und Aufstieg seien nie eingelöst worden. Dieses Lebensmodell, das den Favelabewohnern, den Schwarzen und Benachteiligten aufgezwungen wurde, hat sich nicht geändert“, so Gabriel. Langsam hätten sich in den Favelas Interessensgemeinschaften und Vertretungen organsiert – „Denn die Favela ist kein Ort zum Leben.“ Es brauche aber eine wirklich unabhängige, autonome Verwaltung und politische Beteiligung der Favelabewohner.

„Wir sind bisher nur Marionetten, für die, die uns nicht repräsentieren“, so Rumba. Von Drogengangs bis zu Stadtbeamten und Polizei: Bisher würden Stellvertreter, „falsche Führer“, über die Favelas entscheiden, die nicht demokratisch gewählt worden seien.
In den Favelas seien zwar viele Community-Initiativen entstanden – doch sie würden noch zu individuell agieren, auch Proteste würden sich oft auf Einzelpersonen beziehen, kritisiert Rumba. „Wenn ein Amarildo, eine Claudia, stirbt, passiert etwas – aber jeden Tag werden Claudias und Amarildos getötet, jeden Tag sterben Leute an Querschlägern .“ Die generellen Probleme wie Gewalt müssten gemeinsam angegangen, „objektifiziert“ werden.

„Es gibt viel Enttäuschung“, so Deusimar de Costa, von FAF Rio. „Aber es gibt auch Transformation.“ FAF Rio ist aus dem Kampf um Wohnrecht in Jacarepagua entstanden, heute sind verschiedene Vereinigungen unter dem FAF-Dach vereinigt, die favelaübergreifende Themen wie Lebensqualität, Wohnrecht und Bildung bearbeiten. „Der Kampf geht weiter“, so Costa. Auch der Rest der Gesellschaft müsse umdenken, denn die Gewalt ist inzwischen nicht mehr nur auf die Favelas beschränkt: „Heute sterben auch mehr Polizisten, auch der Asfalto, der Rest der Stadt, ist betroffen von Gewalt und Schießereien.“

Pionierprojekte: Neue Plattformen für Dialog

Ein Leuchtturmprojekt, das beim Forum vorgestellt wurde: ein Gebäude in der Nähe der Favelas Pavao/Pavaozinho und Cantagalo, das revitalisiert wurde, und heute als „Condominio de cultura local“, eine Plattform für mehr als 30 verschiedene Favela-Organisationen bietet, eine Art Co-Working-Space für Favela-Organisationen. Allerdings hat das mehrstöckige Gebäude nur einen einzigen Fahrstuhl, der nur zu eingeschränkten Zeiten fährt. „Zugang ist nicht nur ein Detail“, so Projektmanagerin Monica Garcia von der NGO Entrelaces. Das Gebäude soll sich in Zukunft in einen Inkubator für Favelakultur verwandeln, mit Initiativen wie einem Community Garden, Theater und einem regelmäßigen Markt.

Damit aus dem Improvisationsstil der Favela und dem traditonellen, geplanten Vorgehen von Stadt und Wirtschaft bei gemeinsamen Favela-Projekten keine „Büchse der Pandora“ entstünde, sei es wichtig, sich als ersten Schritt mit den Favelabewohnern zusammenzusetzen und zu sprechen, so Garcia – „Denn sie wissen, was sie brauchen“.

Auch das Fórum de Turismo da Rocinha zeigt, wie Favela-Initiativen die lokale Wirtschaft stärken können. Schon vor Jahren hatten Favelabewohner der Rocinha auf mehr Einkommen durch Favelatourismus gehofft – „Aber dann kamen nur mehr und mehr Jeeps von außen, die Touristen brachten”, kritisiert Ailton Araujo, der Gründer des Fórum de Turismo da Rocinha. Damit der Favelatourismus nicht nur von externen Anbietern kontrolliert wird, haben sich lokale Tourismus-Unternehmer in dem Netzwerk zusammengeschlossen. Sie diskutieren unter anderem die Ausbildung von Tourguides aus der Favela. Englisch zu lernen, könne ein Türöffner für die junge Favelageneration zu seins, so Araujo. Es sind kleine Schritte, aber immerhin: „Bisher haben wir 50 % von dem erreicht, was wir wollen.“

Die Liste der Hürden für gemeinsame Favela-Vorhaben von Bevölkerung, Stadt und Privatwirtschaft sind lang: Korruption, fehlende Kommunikation und mangelndes Verständnis, Fehlplanung und Populismus, schwierige Verhandlungen, aber auch beteiligte Akteure wie Lokalpolitiker, Drogengangs und Polizei, erschweren die Umsetzung von Projekten, die den Favelas tatsächlich nachhaltig helfen könnten. Ein Dialog zwischen den zersplitterten und oft zerstrittenen Parteien könnte nun immerhin ein Anfang sein.

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