Ironie gegen das Trauerspiel

Am Anfang stimmten die brasilianischen Fans sich mit lauten Fanliedern auf das Spiel ein – dann nur noch Entsetzen, Enttäuschung, heulende Fans und Fassungslosigkeit, auf allen Seiten.

Die deutsch-brasilianische Begegnung war ein surreales Geschehen, es sah fast so aus, als hätte jemand den Bildschirm gehackt. Parallel zum Torgewitter liefen dazu auf Twitter noch Meldungen von Freunden aus Tel Aviv ein, die gerade beim WM-Public Viewing am Strand sitzen und gleichzeitig Raketen hören.

Brasilien, das Land des Fußballs, besiegt mit 7:1. Eine üble Niederlage. “Alemanazo” nennen die Brasilianer die Katastrophe ihrer Seleção jetzt – in Anlehnung an das letzte Fußballtrauma “Maracanaço” von 1950, als Brasilien bei der WM im Maracanã-Stadion in Rio unerwartet gegen Uruguay verlor.

Alemão, “Deutscher”, ist in den Favelas seit Jahrzehnten ein Slang-Ausdruck für “Feind” – mal sehen, ob der Ausdruck jetzt auch bei Fußball-Fans in Mode kommt. Ob wir uns als Deutsche in Rio de Janeiro überhaupt noch auf Straße trauen können, wollen viele wissen? Können wir.

Denn Brasilien nimmt die Niederlage relativ entspannt, Brasilianer kontern mit Witzen, die oft gegen ihre eigene Mannschaft und den Trainer zielen. Das deutsche Torgeballer ist längst zum kulturellen Meme geworden. Eine Freundin aus der Favela regt sich auf Facebook über ihre Internetverbindung auf: “Das Internet ist so langsam, dass jede Aktualisierung 15 Toren von Deutschland entspricht.”

Proteste und Gewaltausbrüche, die einige Fußball-Experten hervorgesagt hatten, blieben aus. Beim Fanfest an der Copacabana soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, doch laut denen, die dabei waren, handelte es sich nur um einen kurzen Zwischenfall. Einige Brasilianer verließen das Fanfest noch während das Spiel lief – andere tanzten dagegen auch nach der Niederlage an der Copacabana herum, wie Augenzeugen berichten.

Das Spiel hinterlässt vielleicht enttäuschte Fans, aber kein Land in Trümmern, vielleicht auch, weil die WM in Brasilien schon vor Anpfiff irgendwie entzaubert war, die Euphorie nicht das ganze Land erfasst hat und selbst Fußballfans eine kritische Einstellung zum kostenintensiven und korrupten Mega-Spektakel hatten. Die Brasilianer sind längst aufgewacht. Noch drehen sich Gespräche in Bars und an den Bushaltestellen um Fußball, das verlorene Spiel – aber der Alltag geht weiter. In der Rocinha kämpfen die Favelabewohner gerade mit dem Regen, der Wege, Balkone, Häuser überschwemmt.

Manche drücken für das Finale am Sonntag sogar Deutschland die Daumen – weil Argentinien nicht gerade ihr Lieblingsland ist.

 

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