Mars da Favela: “Crystals not Pistols”

Als die australische Rapperin und Schmuckdesignerin Mars Castro 2010 zum ersten Mal nach Rio kam, verknallte sie sich – in Rio und einen jungen Mann aus der Favela Rocinha. Sie ließ sich von lokaler Kultur und der Drogengang inspirieren – und verwandelt jetzt Munition in tragbare Kunst. In English, please.

"Crystals not Pistols (Foto: Mars da Favela)

“Crystals not Pistols (Foto: Mars da Favela)

Was hattest du für eine Vorstellung von Favelas, bevor du Rocinha besucht hast? 

Das Einzige, was ich über Favelas wusste, war, dass es dort Baile Funk und Funk-Partys gibt. Ich bin Rapperin und bin nach Brasilien gekommen, um mit DJ Marlboro zu arbeiten. Aber er hängt nicht in den Favelas herum, er ist ziemlich kommerziell geworden. Es war so gedacht, dass wir ihn als Teil seiner großen Groupie-Gefolgschaft überall hinbegleiten sollten, von der VIP-Loge bei seinen Gigs zu seinem Haus – das war ganz schön sexistisch. Ich habe mich dann nach einer Weile von der Gruppe verabschiedet, weil ich authentische Leute kennenlernen wollte.

Wie hast du dann die Favela Rocinha entdeckt?

Ich habe einen Mann aus der Favela kennengelernt – und er war völlig anders als die Leute vom „asfalto“, also die, die nicht in einer Favela wohnen, und anders als die Möchtegerns, mit denen ich meine Zeit verbracht hatte. Er war authentisch und nicht so abgehoben.

Als ich alle seine Freunde, seine Familie kennenlernte, hatte ich endlich das Gefühl, Cariocas richtig kennenzulernen und mit einer großen Community herumzuhängen. Eine endlos lange Lovestory später fand ich mich in der Favela Rocinha wieder, wo ich mit ihm und seiner Familie lebte. Er ist jetzt mein Ehemann – und wir leben mit einem Fuß in Melbourne, Australien, und mit dem anderen in Rocinha, Rio.

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Wie würdest du die Atmosphäre in der Favela beschreiben?

Rocinha ist für mich mein zweites Zuhause. Es ist eine tolle, lebendige Community, voller liebenswerter Menschen, die hart arbeiten. Als ich mit reicheren Brasilianern unterwegs war, habe ich aber erlebt, dass es immer noch ein großes Stigma ist, in einer Favela zu leben und wie groß die Kluft zwischen der Arbeiterklasse aus der Favela und den Wohlhabenderen ist.

Die Medien heizen das Vorurteil an, dass Favelas gefährliche Orte sind, aber du kannst den Mainstream-Medien nicht vertrauen. Natürlich gibt es in der Favela Waffen und Drogengangs – aber eine Favela ist kein rechtloser Ort. Keiner rennt herum und schießt einfach so auf Menschen, wie es in Filmen oder in den Nachrichten oft dargestellt wird.

Die einzige Ordnung die ich in Rio jemals gesehen habe, war in der Favela. Es gibt dort die Gesetze der Favela: Keine Morde, kein Diebstahl, keine Vergewaltigungen, keine Gewalt – das wird alles nicht toleriert. Ich habe mich in der Favela viel sicherer als außerhalb der Favela gefühlt. Dieses Gesetz, dass der Chef der Favela geschaffen hat, soll absichern, dass es in der Favela friedlich und ruhig ist und dass die Polizei draußen bleibt – damit die Drogendealern ungestört ihren Geschäften nachgehen können. Sie können nicht aus der Favela heraus, weil sie dann verhaftet werden würden – also versuchen sie sich die Favela zu einem möglichst angenehmen Ort zu machen.

Ich habe Nem, den Boss, getroffen, bevor er verhaftet wurde und er hat Geld aus dem Drogengeschäft ausgegeben, um Reparaturen und Bauarbeiten in der Favela zu bezahlen, er hat ärmeren Bewohnern Geld für Medikamente gegeben und für die jüngeren Leute Partys geschmissen. Die Drogengangs haben in den letzten 30 Jahren die Infrastruktur aufgebaut, auch die Wasserversorgung. Die Regierung wollte nichts mit den Favelas zu tun haben – für den Staat sind Favelas Probleme, die nicht mal auf der Karte erscheinen. 

Wie würdest du die Kunst- und Kulturszene in den Favelas beschreiben?

Ich weiß nicht, ob es in den Favelas Menschen gibt, die sich für Kunstgalerien interessieren oder Aufsätze über Kultur schreiben. Die Leute, die arbeiten gehen, sind wahrscheinlich so beschäftigt, arbeiten sechs Tage in der Woche für einen minimalen Lohn, so dass sie wahrscheinlich gar nicht erkennen, wie kreativ sie eigentlich sind.

Eine lebendige Gemeinschaft aus nicht viel zu erschaffen, ein Wassersystem, dir Strom zu besorgen, ist ja schon kreatives Genie. Geh einen Schritt zurück und schau dir die Favela an: Das ist Kunst. Aber wenn du darin lebst, merkst du gar nicht, wie toll das ist. Sind Favelabewohner Künstler? Absolut. Etwa so Großartiges aus Nichts zu erschaffen, ist höchste Kreativität.

Wie inspiriert Rocinha dich?

Es gibt zuviel Inspiration, um alles aufzuzählen. Mich hat stark inspiriert, zu sehen, wie die Drogendealer um ihre Territorien kämpfen. Kämpfen, um ihre Familien zu ernähren. In einem solchen korrupten Land, mit einer solchen Kluft zwischen Reich und Arm, tun die Menschen, was sie tun müssen.

Mich hat inspiriert, wie die Jungs der Drogengang ihre Waffen getragen haben, dieses Gefühl von Macht und Mode, die damit verbunden ist. Die Goldketten und großen Waffen waren inspirierend, weil sie ein totaler Kontrast zu der Außenwelt dargestellt haben: Draußen gibt es die korrupten Polizisten, die korrupten Politiker und die Milizen und jeder will Geld für sich herausschlagen – die Drogengangster aus den Favelas sind die einzigen, die sich nicht hinter einer Fassade verstecken.

Abgesehen von der Gangkultur kommt meine Inspiration auch von der Freude, die die Menschen in Rocinha ausstrahlen und teilen – die ganze Nacht tanzen, Grillfeste auf den Dächern veranstalten, mit allen Nachbarn in der Straße herumhängen, jeden kennen, so eine tolle und offene Community zu haben.  Sie leben in den Favelas, die so ein mieses Image haben, und sind so vital und positiv – für sie sind die Favelas ihr Zuhause, es ist ihre Gemeinschaft.

Warum hast du dir Waffen und Munition als Arbeitsmaterial für deine Schmuckkollektionen ausgesucht?

Ich habe einen der Gangster auf der Straße gesehen, er war ungefähr 15 Jahre alt, hatte ein AK-47-Maschinengewehr und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „PAZ“, Frieden. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wollte er ironisch sein? Oder ist er tatsächlich ein Peacekeeper?

Welche Chance hatte er – in einer benachteiligten Community aufgewachsen, mit wenig Bildung, weil er sich keine Schulgebühren leisten kann? Das ist die einzige Möglichkeit. Dieser Kontrast von Frieden und Gewalt brachte mich ziemlich zum Nachdenken.

Welche Botschaften möchtest du mit deinem Schmuck vermitteln?

Ich bin gegen die Korruption der brasilianischen Politiker und Polizisten, gegen die Verurteilung der Favelas, ich bin dafür, dass alle aktiv werden – nicht mit Waffen natürlich, aber mit Gemeinschaftssinn. Dass wir alle zusammen die Ungerechtigkeiten bekämpfen. Nicht mit Waffen.

Die Patronenhülsen, die ich verwende, sind leer – und wir füllen sie mit Schönheit auf, mit Natur-Kristallen, mit denen man sich besser fühlt, die inspirieren und heilen können. Ich nenne das „Crystals not Pistols“ – ähnlich wie „Das Wort ist mächtiger als das Schwert“, Kristalle sind mächtiger als Waffen. Wir wollen damit Bewusstsein und Hoffnung verbreiten.

WOHER KOMMEN DIE PATRONENHÜLSEN?

Verschiedene Leute schicken mir Patronenhülsen – meistens welche von Schussanlagen. Ich bin ziemlich sicher, dass keine benutzt wurden, um damit jemanden zu erschiessen. Ich mache aber auch Sonderanfertigungen – zum Beispiel, wenn jemand mir von seinen Reisen in den Mittleren Osten Patronen schickt und möchte, dass ich sie in eine Erinnerung verwandle. Die Kristalle bleiben in ihrer natürlichen Form – sie kommen aus Brasilien, manche auch aus Madagaskar oder Australien.

Glaubst du, dass Favelas für immer mehr Künstler zu einer Inspirationsquelle werden?

Künstler sind meistens die schwarzen Schafe in ihrer Familie oder Gemeinschaft – wie die Favelas. Sie sind das schwarze Schaf, missverstanden, illegal und aus der Not heraus entstanden. Die Favela ist Inspiration für Idealisten, für Architekten bis zu Musikern und Künstlern, für alle Menschen, die erkennen, wie organisch und schön sie gewachsen sind. Es ist hart, sich davon nicht anstecken zu lassen. Auch die Musik der Favela und die lokalen Maler zeigt, wie sehr die Menschen ihre Favela lieben.

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