Verkehrs-Chaos: Sehnsucht nach den Vans

Wer versuchen möchte, seine klaustrophobischen Ängste mit einer Schock-Therapie zu kurieren, könnte mit einer Fahrt in die Favela Rocinha beginnen: vollgestopft bis auf den letzten Platz, schwitzende, aneinandergepresste Körper im Gang, Stau, dazu fällt oft die Klimaanlage aus – falls der Bus überhaupt eintrifft.

Vor ein paar Monaten haben wir mit einem Video dokumentiert, wie lange es dauert, bis alle Passagiere den Bus verlassen (und wir haben begonnen, zu filmen, als wir schon etwa ein paar Minuten gewartet hatten, bis der Bus sich in der Rocinha langsam leert).

Die Rocinha hat zwar nach der Besetzung durch Militär und UPP hübsche neue Bushaltestellen-Schilder erhalten und eine Handvoll von Bussen durchquert inzwischen die Favela – doch es sind zu wenige, und wie diese Woche geschehen, fällt manchmal auch ohne Ankündigung eine der Linien aus.

Früher haben Hunderte von Vans, Minibusse, den Transport in den Favelas abgedeckt – als eine Art paralleles Beförderungssystem. Sie fuhren durch die ganze Stadt, sammelten an Straßenecken ihre Fahrgäste ein und transportierten sie in die Favelas, bis hoch auf den Hügel.

Im April 2013 nahm die Stadt dann eine Serie von Überfällen als Anlass, die Vans zu verbieten – das Aus für die Kleinbusse hat Julia auch auf ihrem Blog “Made in Brazil” beschrieben:

“… schon lange werfen Politiker und Polizei den Kleinbusbetreibern Kooperationen mit der organisierten Kriminalität vor. Weil die Betreiber schon vor der Besetzung der Favelas durch die Polizei durch die Armenviertel gefahren sind, haben viele Busbetreiber zwangsläufig mit Drogengangs zusammengearbeitet. Die Besitzer der Minibusse konnten ihre Dienstleistungen nur mit Erlaubnis der Drogengangs anbieten, manche mussten als Gegenleistung Dienste für die Banden erledigen. Vans sind immer wieder Ziele gewalttätiger Übergriffe, wie der Überfall auf deutsche Touristen oder die Vergewaltigung der Studentin.”

Selbst Proteste von Favelabewohnern und Van-Betreibern konnten das Verbot nicht mehr abwenden. Der Kompromiss: Einige der Kleinbusse wurden quasi in das offizielle Transportsystem eingespeist, mit Aufklebern der Stadt beklebt, Inhaber der Busfahrkarten (Billete Único) können nun von Metro oder anderen Bussen in die Vans umsteigen, ohne erneut zu zahlen.

Die Vans dürfen jetzt aber nicht mehr durch die ganze Stadt fahren, sondern sie bedienen nur noch Favelas wie Rocinha oder Vidigal, dürfen nur noch an die Ränder der Südzone, bis nach Leblon oder Gavea fahren.

Und es gibt nicht genug Vans um die regulären Busse zu ergänzen, und um alle Favelabewohner zu befördern. Die Stadt überwacht zwar nun die Instandhaltung der Busse und hat antike Vans aus dem Verkehr gezogen – doch automatisch sorgt das nicht für mehr Sicherheit. Durch die Transportmittelknappheit drängeln sich (neben den sitzenden Passagieren) bis zu zehn zusätzliche Fahrgäste zuzüglich Kinder und Einkaufstüten in die Minibusse.

Enrique Peñalosa, ehemaliger Bürgermeister von Bogotá, meinte kürzlich zu uns, dass sich am Zustand des öffentlichen Transportsystems ablesen lasse, wie demokratisch eine Stadt sei: Wenn die Mehrheit der Bewohner keine Autos nutzen, müsse man überproportional viel in öffentliche Verkehrsmittel investieren und auch eigene Spuren für Busse reservieren. In Rio sieht es da noch ziemlich düster aus.

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