Der öffentliche Tod von MC Daleste

Favela-Funkeiros leben gefährlich – mit ihren Tracks können sie ins Visier von Drogenbanden oder Militärpolizei geraten. Am vergangenen Samstag wurde der erst 20-jährige MC Daleste bei einem Konzert erschossen.

 

Scheppernde Baile Funk Beats dröhnen, MC Daleste brüllt portugiesische HipHop-Reime ins Mikrofon, auf einmal sackt er in sich zusammen, von zwei Schüssen getroffen, die Fans schreien, Chaos bricht aus.

Am vergangenen Samstag wurde der erst 20-jährige Funkeiro bei einem Konzert in Campinas, São Paulo, erschossen und starb wenige Stunden später im Krankenhaus an den Verletzungen.

Digitale Erinnerung: Auf MC Dalestes offiziellem Fan-Facebook-Account posten Freunde Fotos von MC_Daleste (Screenshot)

Digitales Trauern: Auf MC Dalestes offiziellem Facebook-Account posten Freunde und Fans Fotos von ihm und seiner Beerdigung (Screenshot)

Es war ein öffentlicher Tod: Etwa 1000 Zuschauer waren bei dem Konzert anwesend, sie reckten die Hände in die Höhe, filmten mit dem Mobiltelefon mit – auch den Mord an dem Rapper. Das Kriminalistische Institut (IC) in São Paulo wertet aktuell Handyvideos von Augenzeugen aus, um Hinweise auf die Mörder zu finden. Festgenommen wurde bisher niemand, die Polizei war bei der Party nicht vor Ort, Sicherheitskräfte rückten erst nach dem Mordanschlag an.

Digitale Trauerkultur

Das Handy-Video, das zeigt, wie der Funkeiro zum letzten Mal rappt und zusammenbricht, zirkulierte sofort bei Youtube, wurde kopiert, geteilt, mehr als drei Millionen mal geklickt. Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter löste der Tod des Rappers einen Widerhall aus, Stunden bevor die klassischen Medien berichteten.

Zahlreiche junge MCs aus der Funk-Szene kommentierten das Geschehen in den sozialen Netzwerken, schickten Trauergrüße und bedauerten den Tod des jungen Rappers.

Auch die offizielle Facebook-Fanpage von MC Daleste hat sich in eine digitale Trauerplattform verwandelt. Fans kommentieren, Fotos werden hochgeladen, mit Daleste, der sich in coolen Posen präsentiert – aber auch wie er bei der Beerdigungsfeier im offenen Sarg liegt und seine Familie und Freunde Abschied nehmen.

Der verbotene Funk

Der Funk ist der Soundtrack der Favelas, die Funkeiros sind in den Armenvierteln verwurzelt – selbst wenn Funk inzwischen salonfähig geworden ist, auch auf Partys der jungen, wohlhabenden Großstädtern und in Clubs gespielt wird.

In den von Drogenbanden beherrschten Favelas zählen die oft von Gangs organisierten Baile Funk Partys zu den Höhepunkten für die Bevölkerung: Heiße Beats, ausgelassene Stimmung, teils geben die Gangs auch Alkohol und Drogen aus.

Der Funk ist ein Spiegelbild des Favela-Lebens – manche Tracks besingen die Lebensfreude, Frauen und Sex, andere prangern sozialkritisch Armut, Marginalisierung und Gewalt an, das Subgenre des “Funk Prohibidao”, des verbotenen Funk, stellt den Drogenhandel und die Drogengangs in den Mittelpunkt oder verherrlicht den Kampf gegen die Militärpolizei.

Rühmen Funkeiros eine Gang zu sehr oder verhöhnen sie auf der Bühne die Konkurrenz, können MCs ins Visier rivalisierender Drogengangs geraten. Und auch wenn sie in ihren Liedern gegen die Militärpolizei rappen, schaffen sie sich Feinde.

Aufstieg mit der Gang

Es gibt viele Theorien, warum MC Daleste sterben musste: Vielleicht Streit wegen einer Frau, vielleicht stießen seine seine Songtexte bei Polizei oder Gangs auf Missfallen.

“Einerseits hat er Songs gehabt, wie ‘Vida no crime não compensa’ – ‘Leben in der Kriminalität lohnt sich nicht’. Auf der anderen Seite hat er sich klar zu einer Drogenfraktion bekannt”, kommentiert ein MC aus Rio de Janeiro auf Facebook. Das sei allerdings nicht Ungewöhnliches in der Funk-Szene – denn die lokalen Drogengangs fördern den Aufstieg der MCs, die über sie singen. “Man hat mehr Auftritte, die Songs werden gespielt (es ist ja die Drogenfraktion, die indirekt an DJ´s in Favelas die Playlist bestimmt).”

MC Daleste ist nicht der einzige brasilianische Rapper, der früh ums Leben gekommen ist – zahlreiche Funkeiros aus Rio de Janeiro und São Paulo haben ihre Funk-Karriere in den vergangenen Jahren mit dem Leben bezahlt.

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