Trauertag für Drogendealer

Geschlossene Läden, leere Straßen: An diesem Donnerstag ist der Favelakomplex Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro zur Geisterstadt mutiert – nach nächtlichen Schießereien zwischen Polizei und Drogengangs.

 

Stille ist etwas, das in den Favelas im Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro Seltenheitswert hat, doch an diesem Donnerstag leerten sich die Straßen, Eltern holten ihre Kinder wieder aus den Schulen heraus und brachten sie nach Hause, Geschäftsleute schlossen ihre Läden und ließen die Rollläden herunter. Straßen wie die Rua Joaquim de Queiroz und die Avenida Central sahen heute so verbarrikadiert aus wie Geschäftsstraßen am Sabbat in Israel. Auch in Vila Cruzeiro, im benachbarten Complexo da Penha, schlossen Läden.

Tod eines Dealers

In der Nacht zuvor hatten sich Polizei und Drogendealer gegenseitig beschossen, ein Drogendealer starb, der von der Polizei als Anderson Simplício de Mendonça alias “Orelha”, 29, identifiziert wurde. Doch trotz verstärkter Polizeipräsenz fühlten sich die Favelabewohner heute nicht sicher genug, ihren normalen Alltag aufzunehmen, ihre Arbeitsstellen aufzusuchen – die Drogengang hatte anscheinend verordnet, nach dem Tod von “Orelha” die Läden zu schließen. In der Favela Nova Brasília im Complexo do Alemão nahm die Polizei zwei mutmaßliche Bandenmitglieder fest, die diese Anweisung an die Geschäftsleute übermittelt haben sollen.

Verordneter Stillstand

Es kommt häufig vor, dass die Drogengangs nach dem Tod eines ihrer Mitglieder einen Trauertag verordnen, die Favelabewohner anweisen, alle Läden, Bars und Restaurants zu schließen, und dabei ihre Macht demonstrieren, in einer Favela in kürzester Zeit den Stillstand des öffentlichen Lebens zu erreichen.

Am 17. April 2013 fuhren junge Männer auf Motos und Fahrrädern durch die Favela Morro dos Macacos und wiesen die Geschäftsleute an, ihre Läden zu schließen, auch hier holten die Eltern ihre Kindern aus den Schulen, aus Angst vor Konfrontationen zwischen Polizei und Drogengang, die der Polizei nach dem Tod des Drogenchefs von Vila Isabel, Jorge Araújo Vieira alias “Bebezão”, den Kampf angesagt hatte. Der 35-jährige, der verschiedene Favelas im Osten und Norden von Rio kontrolliert haben soll, wurde bei einem versuchten Raubüberfall angeschossen, er und ein 16-Jähriger starben an den Schussverletzungen.

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One thought on “Trauertag für Drogendealer

  1. Pingback: Drogenbanden demonstrieren ihre Macht in Ipanema | Live aus der Favela

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