Die WG-Erweiterung: Eine Wachtel namens “Leopoldina”

Abends klopft es an der Tür und der Ex-Freund unserer Mitbewohnerin liefert einen Sack voller Sachen und ein rechteckiges Ungetüm ab, das sich als Käfig entpuppt. Und jetzt haben wir noch eine Mitbewohnerin. Die ist lange wach und piept, sobald man sich ihr nähert und hat schnell angefangen, einen strengen Geruch zu verbreiten, sobald sie einige Zeit im Wohnzimmer lebte (und musste deswegen inzwischen auf den Balkon umziehen, wo nun die Fliegenpopulation rasant wächst).

Eine Wachtel als Haustier also. Da hält man Wachteln und Wachteleier für eine relativ teure Delikatesse und lernt die erste lebendige Wachtel ausgerechnet in einer Favela kennen. Und hier sind Wachteln tatsächlich keine Seltenheit. Gleich nach Katzen, die hier Mauervorsprünge, Balkone und Treppen (auch mit ihren Hinterlassenschaften) besetzen, liegen Vögel, Hühner und Wachteln auf der Hitliste der häufigsten Favela-Tiere ganz weit vorne.

Wohl auch, weil sie platzsparend unterzubringen, genügsam und teilweise auch noch weiterverwertbar sind. Auf der Müllkippe unterhalb von unserem Haus, die eigentlich eine Wiese darstellen soll, begegnen wir jeden Tag einer Hühnerherde, die sicher irgendwann zu einem Abendessen verarbeitet werden.

Ein Käfig passt noch in das allerkleinste Favelahaus hinein, oder baumelt vor dem Fenster herum – manche Favelabewohner hängen ihre Vogelkäfige tagsüber auch an einem Laternenpfahl an der Straße auf. Vielleicht um den Vogel mal durchzulüften?

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Rührei aus Mini-Eiern
Unsere Wachtel fällt in die Selbstversorger-Haustier-Mischkategorie. Unsere Mitbewohnerin beobachtet besorgt, ob das Tierchen, zu- oder abnimmt, Federn lässt, und die Erkältung auskuriert hat (hoffentlich keine Vogelgrippe).

Geschlachtet werden soll sie nicht, dafür legt sie täglich ein bonbongroßes, braunweiß-geflecktes Ei, das sich hervorragend als Rührei eignet. Und sie ist besonders sozial – sobald sich jemand dem Käfig nähert, drängt sie sich an die Gitterstäbe und piept. Von einem gemeinen Nutztier hebt sie sich auch durch ihren blaublütigen Namen ab – “Leopoldina”.

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