Umzug in die Favela: Wie Packesel den Berg hinauf

Mit Rucksäcken, Skateboards und Bett quer durch die Stadt und den Berg hinauf: Der Einzug in eine Favela ist eine Herausforderung.

 

Die Privatsphäre misst hier genau eine Armlänge. Dann fängt die nächste dünne Häuserwand an, hinter der Kinder lachen und brüllen, Ehepaare sich streiten und die Musik donnert. Vier Musikstile zur selben Zeit, je nachdem, wohin man den Kopf dreht, mehr Cumbia, mehr Baile Funk oder 80-Jahre-Schnulzen. Favela-Remix.

Von unserem kleinen Fenster aus blicken wir auf rote Ziegelwände, können dem einen Nachbarn in die Küche schauen, der nächsten Familie in den Hausflur und der dritten ins Schlafzimmer. Und vice versa.

favela_rocinha.jpg

Heute sind wir umgezogen – von der Innenstadt Rio de Janeiros in eines der fast 1000 Armenviertel Rio de Janeiros, die Rocinha, angeblich die größte Favela der Stadt, obwohl niemand so genau weiß, wieviele Einwohner exakt die Rocinha besiedeln, zwischen 70.000 bis 200.000 sollen es sein.

Viele der Favelabewohner fahren jeden Morgen in die Innenstadt hinein, sie arbeiten als Busfahrer, Hausmädchen, bilden das Getriebe von Rio. Von den Bewohnern der Innenstadt haben sich viele noch nie in ihrem Leben in eine Favela gewagt, dafür finden in den vergangenen Jahren immer mehr Ausländer den Weg in die Favelas hinein – manche, um nur einen kurzen Blick auf die einst von Drogenbanden beherrschten Terrains zu werfen und ein paar Fotos zu knipsen, manche, um dort als Freiwillige zu arbeiten, und manche, um dort zu leben.

Seit 2011 sind wir immer wieder in die Favela Rocinha gefahren, haben erlebt, wie die einst von Drogenbanden kontrollierte Favela von der Militärpolizei besetzt wurde, haben Interviews mit den Bewohnern geführt. Jetzt ziehen wir selbst in die Rocinha, um die Veränderungen vor der WM 2014 in Brasilien von innen heraus zu dokumentieren, zu beobachten, wie der Alltag des jahrzehntelang vom Staat vernachlässigten Armenviertels sich wandelt – oder auch nicht.

Fast unauffällig durch die Menge

Der Einzug ist allerdings ein Marathon – die Häuser der Rocinha stapeln sich auf einem Berg, der in das wohlhabende Viertel São Conrado hineinragt. Wir haben uns riesige Rucksäcke und unser neues Bett – eine riesige Luftmatratze – auf den Rücken geschnallt, bleiben fast im Drehkreuz des Busses stecken, der eine Stunde lang quer durch die Stadt bis an den Rand der Rocinha fährt und haben Glück.

Als wir aussteigen, fallen nur wenige Blicke auf uns sonderbare Gestalten, die meisten achten auf einen Unfall, der direkt vor der Rocinha geschehen ist: ein Auto, bei dem sich die Motorhaube wie eine Sardinenbüche nach oben gerollt hat, Polizei, Feuerwehr, Schaulustige. Wir verschwinden fast unauffällig in der Menge.

1000 Stufen

Dann schleppen wir uns weiter den Berg, den “Morro”, hinauf – über die Hauptstraße an den Hunderten von Mototaxis vorbei, Motorradfahrer, die jeden Tag den Berg hinauf- und hinuntersausen. Vorbei an Hunderten von kleinen Läden, Schulkindern, alten Omas, die den Berg hochsteigen. Eine steile Betontreppe führt uns abseits der Straße weiter in das Labyrinth der Ziegelhäuser, Tausende von Stufen.

Verschwitzt biegen wir in das Kanalsystem zwischen den Häusern ein, in denen es leicht ist, sich zu verirren. Wir biegen um ein paar Ecken, steigen eine der Seitengassen hoch, ein paar Treppen – und sind am Ziel, zwei Stunden später, ein bisschen rot, ein bisschen verschwitzt. Aus der Favela Rocinha wollen wir gar nicht mehr ausziehen – auch, weil der Weg hinein so anstrengend ist.

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