Kriegswaffen im Drogenkrieg: Browning .50 in Rio beschlagnahmt

Ein Waffendeal wurde im letzten Moment verhindert: Eine Browning .50, ein schweres Maschinengewehr, wurde von der Polizei sichergestellt – die Beschlagnahmung zeigt, in welcher Dimension die Drogengangs mittlerweile aufgerüstet haben.

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200.000 Reais, umgerechnet knapp 42.000 Euro, wollten die Kriminellen für die Waffe bezahlen. Das in den USA entwickelte schwere Maschinengewehr, das 38 Kilo wiegt, kann 400 bis 600 Schuss pro Minute abfeuern – ein tödliches Kriegsgerät, das im Einsatz in einer dicht besiedelten Favela ein Desaster gewesen wäre. Der Polizei zufolge ist es die größte Waffe, die im Bundesstaat Rio bisher beschlagnahmt wurde. Zwei Personen, die am Deal beteiligt waren, wurden verhaftet.

Während Militärpolizei und Militär bei größeren Operationen etwa mit Panzern durch die Favelas rollen, die etwa die Straßensperren der Drogengangs niederwälzen, haben auch die kriminellen Organisationen ihr Waffenarsenal massiv aufgestockt. Die Browning .50 wurde nach dem ersten Weltkrieg entwickelt, um auch gepanzerte Ziele zu zerstören und wird von Streitkräften weltweit eingesetzt.

Drogenhandel findet weltweit statt – zu der extremen Gewalt in Brasilien trägt dazu bei, dass die Gangs inzwischen hochgerüstet sind wie Kriegsparteien. “Maschinengewehre sind hier verbreitet wie Armbanduhren”, sagte der Polizeikommandant der größten Favela Rocinha zu FavelaWatch. Ein anderer Polizist, ehemaliger Angehöriger der Spezialeinheit der BOPE warnte: “Die Gangs verfügen über Kriegswaffen – zum Teil sind sie besser ausgerüstet als die Polizei.”

Auch Maschinengewehre deutscher Hersteller geraten immer wieder in die Hände von Kriminellen. So wurde auch die PSOL-Abgeordnete Marielle Franco mit einer MP5 von Heckler & Koch ermordet. Immer wieder gelangen Waffen aus Polizeibeständen in die Hände von Milizen oder Drogengangs und befeuern die Gewalt.

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Wahlkampf Brasilien 2018: Eklat um Holocaust-Video der Deutschen Botschaft

Die deutsche Botschaft in Brasilien teilt ein Video über den Holocaust – und Anhänger der brasilianischen Rechten verdrehen Geschichte.

Anhänger des rechten Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro haben ein Video der deutschen Botschaft auf Facebook genutzt, um falsche Informationen zu verbeiten. In dem knapp einminütigen Video mit dem Titel “Como se ensina história na Alemanha ” – “wie in Deutschland Geschichte gelehrt wird” – geht es unter anderem darum, dass der Holocaust für Jugendliche in der Schule ein wichtiges Thema ist, und die Geschichte lehrt, niemals zu vergessen, um die Ereignisse nicht zu wiederholen.

Außerdem wird anhand eines Zitates des deutschen Außenministers Heiko Maas erklärt, dass das erneute Erstarken extrem rechter Gruppierungen ein nicht zu tolerierendes Problem sei, zudem, dass das Leugnen des Holocausts und Tragen von Nazisymbolen Straftaten seien.

“Devemos nos opor aos extremistas de direita, não devemos ignorar, temos que mostrar nossa cara contra neonazistas e antissemitas.”

Zitat von Heiko Maas aus dem Video

Daraufhin kommentierten Brasilianer, dass die NSDAP durchaus eine Partei mit linken Strömungen, der Nationalsozialismus eine linke Bewegung gewesen sei und man alles Schlechte der politischen Rechten zuschieben wolle. Einige schrieben sogar, der Holocaust sei eine Lüge.

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Erschossen, weil er einen Regenschirm hielt

Rodrigo Alexandre da Silva Serrano wartete an einer Bushaltestelle auf seine Frau. Er hatte einen Regenschirm in der Hand, doch Polizisten hielten das Objekt offenbar für eine Waffe – und erschossen ihn.

Schuss in die Brust, ein Schuss ins Bein: Der 26-Jährige lebte nicht mehr, als er im Krankenhaus eingeliefert wurde. Der zusammengeklappte Regenschirm wurde zu seinem Todesurteil. Bewohner der Favela Chapéu-Mangueira in Leme in der Südzone von Rio de Janeiro zufolge soll der Ort, an dem Rodrigo getötet wurde, schlecht beleuchtet gewesen sein.

Regenschirm als Todesurteil? (Foto: Facebook)

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Medienberichten zufolge war Rodrigo früher zu einer Haftstrafe wegen Raub und auch im Zusammenhang mit Drogenhandel verurteilt worden,  war aber mittlerweile wieder frei und hatte einen Job. Er hinterlässt zwei kleine Söhne. Als schwarzer junger Mann aus einer Favela gehört er einer Gruppe an, die keine Haftstrafen braucht, um sich verdächtig zu machen und jederzeit Gefahr läuft, anlasslos erschossen zu werden – in Brasilien sterben jährlich Tausende junge Männer an Polizeikugeln.

In Brasilien stirbt alle 23 Minuten ein schwarzer Jugendlicher zwischen 15 und 29 Jahren, 23.100 jedes Jahr, so das Ergebnis einer Arbeitsgruppe des Senats in der Hauptstadt Brasília. Doch während in den USA Tausende Menschen der „Black lives matters“-Bewegung auf die Straße gehen, um gegen Gewalt und Ermordungen der schwarzen Bevölkerung zu demons­trieren, kommt der Aufschrei hier von nur wenigen.

Ermittelt wird selten bei Polizeigewalt. Da der Tod von Rodrigo aufgrund der vermeintlichen Bedrohung durch die “Regenschirm-Waffe” als Akt der Selbstverteidigung ad acta gelegt wird, wird sein Tod nicht einmal als Mord registriert.

Am falschen Ort, zur falschen Zeit: Immer wieder werden in Rios Favelas Menschen erschossen, die ins Kreuzfeuer geraten oder bei Polizei-.Operationen mit Kriminellen verwechselt werden. Polizisten schießen im Zweifelsfall, bevor sie selbst erschossen werden – und immer wieder gibt es Fälle exzessiver Polizeigewalt.

Wahlkampf in Brasilien 2018: “Frauen gegen Bolsonaro”-Facebookgruppe gehackt

Digitaler Wahlkampf: Angreifer hatten die Facebook-Gruppe “Mulheres unidas contra Bolsonaro”, die gegen den Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro mobil machen will, unter ihre Kontrolle gebracht – und sie in eine Fangruppe verwandelt.

In der Facebookgruppe “Mulheres unidas contra Bolsonaro” (Frauen vereint gegen Bolsonaro) hatten sich Frauen aus verschiedenen politischen Lagern zusammengeschlossen, die gegen den Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro sind und dessen Positionen kritisieren und sich zu Protesten verabreden.

Screenshot Facebook: Mulheres Unidas contra Bolsonaro

Screenshot Facebook

Der rechtskonservative Präsidentschaftskandidat der PSL, den der Guardian kürzlich einen “tropischen Trump” genannt hat, ist in der Vergangenheit immer wieder durch offenen Sexismus, Rassismus und Homophobie aufgefallen. 2014 sagte er etwa bei einer Parlamentsdebatte, er würde die Abgeordnete Maria do Rosario nicht vergewaltigen – “weil sie es nicht verdient”.

Die Facebook-Gruppe war am 30. August 2018 gegründet worden, mehr als eine Million Mitglieder waren innerhalb der ersten Woche zusammengekommen. Am Wochenende hatten Angreifer die Facebookgruppe für einige Stunden unter ihre Kontrolle gebracht, die Administratorinnen hatten keinen Zugriff mehr. Die Angreifer hatten sich auch Zugang zu den Mobiltelefonen und persönlichen Social Media-Konten von Gruppen-Gründerinnen verschafft, veröffentlichten Nachrichten und schickten ihnen Drohungen per Whatsapp.

Die Facebook-Seite war erst offline, später ging sie wieder online – als “Mulheres com Bolsonaro #17”, also als Fangruppe für den umstrittenen Kandidaten, mit einem Foto von Bolsonaro und einer brasilianischen Flagge.

Inzwischen haben die Administratorinnen die Kontrolle wiedererlangt – und die Attacke hat die Seite noch bekannter gemacht. Mehr als zwei Millionen Frauen haben sich inzwischen in der Gruppe zusammengeschlossen. Allerdings existieren mittlerweile auch verschiedene Klone – und eine Seite, in der sich “Frauen für Bolsonaro” vereint haben. Auch lokale Seiten wollen jetzt den Widerstand gegen Bolsonaro organisieren, etwa in London. Für Ende September ist eine große Demo gegen Bolsonaro in Brasilien angekündigt.

Brasilianisches Nationalmuseum in Flammen: Raubbau an der Kultur

Das brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro wurde durch einen Brand zerstört. Der Verlust ist auch ein Symbol für die desaströse Kulturpolitik.

Sonntagnacht sind in Rio de Janeiro 200 Jahre Erinnerung in Flammen aufgegangen. Das Museo Nacional im Stadtpark Quinta da Boa Vista wurde durch ein Feuer fast vollständig zerstört.

Verletzt wurde niemand, denn das Museum war bereits geschlossen. Doch große Teile des historischen Gebäudes brannten nieder – und viele der 20.000 Exponate. Die älteste wissenschaftliche Einrichtung Brasiliens beherbergte etwa Dinosaurierfossilien, anthropolische Sammlungen wie Masken, oder “Luzia”, das in einer Höhle geborgene Skelett einer der ersten Einwanderinnen Südamerikas, das bekannteste Skelett Amerikas.

“Es war das größte Naturkundemuseum in Lateinamerika”, so Cristiana Serejo, Vize-Direktorin des Museums. “Wir haben unschätzbar wertvolle Sammlungen, die mehr als 100 Jahre alt sind.”

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Die Brandursache ist bisher noch unbekannt. Der Brandschutz war offenbar unzureichend, das Gebäude brannte innerhalb von etwa einer Stunde nieder. Berichten zufolge sollen Feuerwehrmänner zudem teils zu wenig Wasser zum Löschen gehabt haben. Das Museum hatte gerade erst einen Vertrag mit der brasilianischen staatlichen Entwicklungsbank BNDES geschlossen, das auch ein Feuerschutzpaket umfassen sollte – zu spät.

Das Feuer ist ein großer Verlust für die brasilianische Kultur und Wissenschaft, aber auch ein Symbol der verfehlten Kulturpolitik. Drastische Kürzungen im Wissenschafts- und im Kulturbereich in der Wirtschaftskrise haben unter der Temer-Regierung zu einem Raubbau geführt. Zahlreiche wissenschaftliche Programme und Kulturprojekte wurden in den vergangenen Jahren eingestellt, auch in Rios Favelas.

Auch das Budget der Staatlichen Universität von Rio (Universidade Federal do Rio de Janeiro), kurz UFRJ, in deren Verwaltungsbereich das Museum gehört, war immer mehr gesunken. Auch das Nationalmuseum war von den Kürzungen betroffen.

Eine Initiative versucht jetzt, zumindest die Erinnerungen per Crowdsourcing zu bewahren – und sammelt digital Bilder, Videos und Erinnerungen an das Museum, aber auch Selfies mit dem Nationalmuseum oder seinen Exponaten ein.

Fußball-WM 2018 Brasilien: Ein Videogruß von Fußballstar Coutinho

Ein junger Fußballfan aus dem Complexo do Alemão hatte kein Geld für ein echtes Fußball-Trikot – für sein DIY-Shirt bekam er aber einen persönlichen Gruß von seinem Lieblingsstar.

Wallace mit seinem DIY-Trikot (Foto: Bruno Itan)

Wallace mit seinem DIY-Trikot (Foto: Bruno Itan)

Das Geld für ein Original-Trikot reichte nicht, deswegen peppte der 11-jährige Wallace ein knallgelbes Standard-T-Shirt mit dem Namen seines Lieblingsfußballers und dessen Spielernummer auf: Coutinho.

Unser Kollege, der Fotograf Bruno Itan aus dem Complexo hat den Jungen zufällig fotografiert, für eine Foto-Serie über das WM-Fieber in den Favelas von Rio – und mit einer Social-Media-Kampagne dafür gesorgt, dass das Foto von Wallace den Fußballstar erreicht.

Weniger als vier Stunden später antwortete Philippe Coutinho – und schickte seinem jungen Fan aus der Favela einen Videogruß, in dem er sich für das Anfeuern bedankte und ihm, nach dem Ende der WM, ein Treffen in Aussicht stellte.

LATIF – Lateinamerika im Fokus Kongress 2018

Drogenkrieg und Digitalisierung in Brasilien: Am kommenden Samstag geben wir beim “Lateinamerika im Fokus” Kongress in Köln einen Workshop zur Rolle von Digitalisierung in urbanen Konflikten, Wired Drug War und OSINT.

“Zwischen Klischees und Realität – Drogen und Lateinamerika” ist das Thema des diesjährigen “Lateinamerika im Fokus” Kongresses an der Universität zu Köln vom 08. – 10. Juni 2018 – mit Vorträgen und Workshops zum Drogenkrieg in u. a. Kolumbien, Mexiko, Brasilien.