“Jung & Naiv” über Favelas, Drogenkrieg und Sicherheit in Rio: Interview mit Tilo Jung

Tilo Jung hat uns während der Olympischen Spiele in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro besucht und interviewt – jetzt ist das ganze Favela-Interview online zu sehen.

“Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl leben seit Jahren in Rios Favelas und berichten von dort. Die deutschen Journalistinnen interessieren sich für das Leben in den brasilianischen Armutsvierteln, wo sie mikroskopisch beobachten, wie Sicherheitsprozesse und Polizeiarbeit funktionieren bzw. nicht funktionieren, wie Kriminalität entsteht und sich entwickelt.

Tilo trifft die beiden Reporterinnen in Rocinha, der größten Favela Südamerikas mit mehr als 300.000 Bewohnern und will von Julia & Sonja wissen: Was ist überhaupt eine Favela? Zahlen die Menschen Miete oder lebt jeder, wie er oder sie will? Gibt es Schulen, Strom, Müllabfuhr und eine Wasserversorgung? Warum leben die beiden in einem offenbar so gefährlichen Viertel? Welche Macht haben die Drogengangs? Kennt man die Drogenbosse? Was heißt das, wenn die Polizei eine Favela besetzt? Ist das eine Invasion? Haben Favelas ihre eigenen Regeln und Gesetze? Warum ziehen Menschen aus ganz Brasilien überhaupt eine Favela?”

Polizei und Kriminelle als Komplizen: Mordkomplott gegen Polizeichefin

In Rios größter Favela Rocinha planten Drogengangster die Ermordung der Polizeichefin der Befriedungspolizei UPP. Polizisten halfen ihnen dabei. Der korrupte Polizeiapparat in Brasilien verhindert eine effektive Bekämpfung der Kriminalität.

Eine kleine Frau, dunkle Locken, sympathisches Lachen: Pricilla Azevedo sollte der Polizei wieder ein nettes Gesicht verleihen, das Versprechen der Befriedungspolizei UPP einlösen, eine Polizei der Nähe zu sein. Sie hatte Major Edson als Chef der Einheit ersetzt, einen ehemaligen Soldat der BOPE-Spezialeinheit. Er war mit weiteren Polizisten verhaftet worden: Sie hatten den Favelabewohner Amarildo festgenommen, zu Tode gefoltert, die Leiche verschwinden lassen – und das letzte Vertrauen in die UPP zerstört, auch weit über die Favela Rocinha hinaus.

Azevedo stand für einen sozialen Policing-Ansatz, der die Bevölkerung wieder mit der Polizei versöhnen sollte. Doch Drogengang und auch Kollegen von Azevedo sahen in der neuen Chefin vor allem einen Störfaktor für ihre Geschäfte.

Mehrere korrupte Polizisten, die mit dem Drogenboss Rogerio kooperierten, verrieten ihm ihre Arbeitsroutine – und legten ihm nahe, die Polizeichefin schnell zu töten – damit erneut ein Ex-Elitesoldat an ihre Stelle rücken könnte. „Er ist ein Freund von uns, und er liebt Geld“, schrieb ein Polizist an den Drogenboss – also ein guter Deal für alle Seiten. Im Februar 2014 wurde der Plan entdeckt, erst jetzt hat die Justiz den geplanten Mordanschlag öffentlich gemacht.

Azevedo wurde versetzt, sie ist heute Polizeisprecherin der Befriedungspolizei – zu dem geplanten Mordanschlag auf sie hat sich die Polizistin bisher nicht geäußert.

Livestreaming bei Räumung: Favelareporter festgenommen

Die beiden Favelareporter Rene Silva, Chefredakteur der Favela-Plattform “Voz da Comunidade”, und Renato Moura, Fotograf, sind bei einer Räumung festgenommen worden. Die beiden hatten mit Livestreaming berichtet. 

Räumung der Favela

In der Favelinha da Skol im Complexo do Alemão im Norden von Rio hatten Bewohner versucht, eine bereits geräumte Siedlung neu zu besetzen – aus Unzufriedenheit darüber, dass die Regierung das Versprechen auf neuen Wohnraum seit Jahren nicht eingelöst hatte. Bei der erneuten Räumung durch die Polizei gingen die Polizisten offenbar auch mit Pfefferspray gegen die Favelabewohner vor.

Die beiden Favelareporter Rene Silva und Renato Moura interviewten die Anwohner – und streamten und filmten mit ihren Smartphones. Sie wurden von der Polizei aufgefordert aufzuhören und das Gelände zu verlassen. Als sie sich weigerten, wurden sie von den Polizisten festgenommen, ihren wurde Widerstand gegen die Beamten vorgeworfen.

Während Rene Silva bereits von einem Polizisten festgehalten wurde, sprühte ihm ein zweiter Polizist Pfefferspray ins Gesicht, sagt er. “Wir hätten nicht gedacht, dass das passieren könnte.” Inzwischen wurden die beiden wieder freigelassen.

Drei Tage Schießereien, 7 Menschen angeschossen im Complexo do Alemão

Foto: BuzzingCities

Foto: BuzzingCities

Foto: Facebook/Papo Reto

Foto: Facebook/Papo Reto

Bei heftigen Schusswechseln wurden im Complexo do Alemão im Norden von Rio mehrere Menschen angeschossen, darunter eine ältere Frau, ein 14-Jähriger und zwei Polizisten. Drei junge Männer starben.

Zuerst wurden bei einer Schießerei zwei junge Männer angeschossen und starben im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Drogengangs griffen danach eine der Polizeistationen im Alemão an – die Schüsse schlug auch in die Seilbahnstation nebenan ein sowie in Bars und Läden in der Nähe.

Die Bewohner mussten stundenlang warten, bevor sie nach Hause zurückkehren konnten, auch Busse verkehrten innerhalb der Favelasiedlungen nicht mehr. Spezialeinheiten verstärkten die Polizeipräsenz im Alemão, auch Nachts gingen die Schießereien weiter: Zwei Polizisten wurden bei einem Angriff angeschossen, einer durch einen Streifschuss im Gesicht, der zweite verletzte sich an der Hand.

Bei einer Schießerei am darauffolgenden Tag wurde erneut ein junger Mann getroffen. Spezialkräfte der BOPE rückten in die Favelas ein, und führten eine Operation durch – Tagsüber und Nachts folgten weitere Schusswechsel, Läden und Bars wurden geschlossen. Eine ältere Frau wurde von einem Querschläger getroffen, ein junger Mann wurde angeschossen und starb noch an Ort und Stelle an den Verletzungen.

Drogenkrieg um Morro do Turano

Seit mehreren Tagen leben die Bewohner des  Morro do Turano in Tijuca unter ständigem Beschuss: Am Wochenende drangen Mitglieder der Amigos dos Amigos (ADA) in das vom Comando Vermelho beherrschte Territorium ein. 

Das eigentlich von der Befriedungspolizei UPP besetzte Gebiet befindet sich seitdem im Drogenkrieg. Die Gangs lieferten sich in den vergangenen Tagen heftige Schusswechsel, zusätzliche Polizei und Spezialeinheiten wurden in die Favela abkommandiert. Bei einem Schusswechsel zwischen Polizei und Mitgliedern einer Drogengang wurde ein Verdächtiger getötet sowie zwei weitere Favelabewohner durch Querschläger verletzt.

Am Wochenende zwangen Mitglieder der Drogengangs Ladenbesitzer ihre Unternehmen zu schließen. „Wir haben Angst, wir sind in Panik“, sagte ein Anwohner. „Die Atmosphäre hier ist extrem angespannt.“ Eine Straße in der Nähe der Siedlung wurde zeitweise gesperrt, drei Kindergärten, aber auch nahe gelegene Schulen und zwei Universitäten mussten vorerst den Betrieb einstellen.

Zuletzt wurde ein per Haftbefehl gesuchtes Mitglied der Drogengang, der 28-jährige „Gordinho“, festgenommen. Die Spezialtruppen der BOPE sollen das Gebiet nun vorerst unter Kontrolle bringen – ein Datum für den Abzug der Spezialeinheiten gibt es bislang nicht.

Paralympische Spiele: Improvisation, Underdogs und Emotionen

Und dann doch wieder ein Happy End: Mit viel Improvisation und Last-Minute-Zuschüssen konnten die Paralympischen Spiele trotz Schweiss und Panik doch noch erfolgreich durchgeführt werden — obwohl die Rahmenbedingungen so schwierig waren wie nie zuvor. Sportler aus zehn Ländern konnten fast nicht teilnehmen, weil die Reisekosten nicht wie vereinbart überwiesen worden waren, Sparkurs für Spielstätten und Personal gefährdeten die Organisation der Spiele. “Was man aus Rio als Lektion mitnehmen sollte, ist, dass man frühzeitig kommunizieren sollte“, so Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralytischen Komitees. „Wenn es ein Problem gibt, lass es uns wissen und warte damit nicht bis sechs oder sieben Wochen, bevor die Spiele beginnen sollen.“

Improvisation nach dem Baukastenprinzip

Brasilien wäre nicht Brasilien, wenn das Land nicht doch noch in der Not einen Ausweg, einen „Jeitinho“, finden würde. In der Geldnot wurden nach dem Baukasten-Prinzip etwa Stätten gestrichen, die sowieso nur temporär und dann rückgebaut werden sollten. Auch aus Brasilia wurde kurzerhand wieder Geld zugeschossen (dessen Fehlen sich erst nach dem Abschluss der Spiele richtig bemerkbar machen wird).

Spiele für alle

90 Prozent der Eintrittskarten für die Paralympischen Spiele wurden an Brasilianer verkauft, 10 Prozent an Ausländer (Olympische Spiele: 70 Prozent an Brasilianer, 30 Prozent an ausländische Gäste). Wie bereits bei den Olympischen Spielen wurden auch bei den Paralympics wieder Freikarten an soziale Organisationen, auch in Rios Favelas verteilt, damit die Ränge doch noch besetzt werden. Viele Tickets wurden zudem für Sonderpreise für umgerechnet wenige Euros verkauft, die sich selbst ärmere Brasilianer leisten können.

Empathie mit den Underdogs

Sportler, die oft persönliche Schicksalsschläge, lange Krankenhausaufenthalte, manche sogar Koma überwunden haben und dennoch Bestleistungen zeigen: Die Paralympischen Spiele erzählen noch stärker als die Olympischen Spiele Erfolgsgeschichten von Menschen, von Underdogs, die sich durchbeissen mussten, und mit denen sich auch viele Favelabewohner identifizieren können – wie mit dem ehemaligen Hausmädchen Rosinha dos Santos, die ein Bein verloren hat und heute als Diskuswerferin erfolgreich ist.

Das mindert zwar nicht die grundsätzliche Kritik an den Millionenausgaben für die Sportevents, doch den Paralympics-Athleten wird kaum vorgeworfen, dass sie persönlich profitieren und kassieren, während die Kassen des Gastlandes Brasilien in katastrophaler Lage sind. Wie schon bei den Olympischen Spielen engagieren sich auch Bewohner von Rios Favelas bei den Paralympics – wie der Bürgerreporter Rene Silva aus dem Complexo do Alemao, der im Kommunikationsteam tätig ist und auch immer wieder live von den Schauplätzen der Paralympics streamt.

Screenshot Facebook

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Das Brett zur Freiheit

Für Monique Oliveira bedeutet Surfen eine besondere Freiheit – denn die Brasilianerin ist gelähmt. Am Strand von Rio de Janeiro erobert sie sich ein Stück Unabhängigkeit zurück.
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Wenn Monique Oliveira die Welle bekommt, hält sie sich mit beiden Händen fest, konzentriert und lachend zugleich, läßt sich bis zum Strand treiben. Es ist anstrengend für den Körper, aber das Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit gleicht die Anstrengung aus. Auf dem Surfbrett über Wellen zu gleiten ist für Monique Oliveira eine ganz besondere Freiheit: die Brasilianerin ist gelähmt – doch ein Tag auf dem Wasser macht sie so frei wie nichts anderes in ihrem Leben.

Rio de Janeiro ist eine Surferstadt, Menschen in Neoprenanzügen und mit einem Bodyboard oder einem Surfbrett unter dem Arm gehören ins Stadtbild. Doch für Monique bedeutete Surfen zu lernen viel mehr, als nur auf einem Brett über das Wasser zu gleiten. Für Monique ist Surfen ein Wendepunkt in ihrem Leben.

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Kampf gegen Vorurteile

Monique Oliveira lebt mit einer Zerebralparese. Ein Sauerstoffmangel bei der Geburt beschädigte Teile ihres Gehirns, die Bewegungsabläufe koordinieren. Ihre Motorik ist holpriger, nicht alles läuft im Alltag leicht. Ein Surfbrett zu tragen oder einen Namen zu schreiben dauert länger und geschieht nicht so reibungslos wie es die meisten gewohnt sind. Monique nimmt den Stift und kratzt die Buchstaben auf das Papier: “Ich muss eine neue Seite anfangen, weil ich mehr Platz zum Schreiben brauche als andere.” Auch das Sprechen fällt ihr schwerer. Continue reading

Raus aus der Favela

In keinem Land der Welt gibt es so viele Hausmädchen wie in Brasilien – seit Kolonialzeiten schuften Arme in den Häusern der Reichen. Doch jetzt durchbricht eine neue Generation aus den Favelas den Kreislauf.

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Unten rasen Motorradtaxis auf der steilen Straße entlang, vor der Terrasse wachsen die Ziegelhütten von Rio de Janeiros größter Favela Rocinha den Berg hinauf. Michel Silva tippt konzentriert in sein Macbook. Seine Mutter blickt ihm dabei über die Schulter, einen Computer hat sie noch nie benutzt: “Ich gehe lieber in die Kirche”, sagt Dona Jô.

Die 63-Jährige kann kaum schreiben und lesen, ist nur ein paar Jahre zur Schule gegangen. Sie hat ihr Leben lang für wenig Geld geschuftet. Für Favelabewohner gab es bisher kaum Aufstiegschancen – doch ihre Kinder haben andere Pläne.

Die Geschichte von Dona Jô und ihren drei Kindern ist auch die Geschichte eines krisengeschüttelten Landes im Umbruch, in dem immer mehr Favelakinder nicht mehr als billige Arbeitskräfte für die Wohlhabenden arbeiten wollen – und stattdessen von Universität und Karriere träumen. Sie nehmen die tiefe Spaltung des Landes in Arm und Reich nicht mehr einfach hin.

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